Kultur vs Industrie, ein Widerspruch?

Zum Dilemma Musik/Musikindustrie hier mal etwas aus der eigenem Erleben:

Mein bester Freund, oder besser gesagt ehemals bester Freund, Tommi Stumpff, war lange Zeit Musiker, hatte auch einige CD’s veröffentlicht, unter anderem die letzten Erscheinungen bei einer sehr großen Plattenfirma, einer sogenannten Major-Company. Interessant war, nachdem die letzte CD veröffentlicht war, eine 10.000er Pressung, war diese jedoch gar nicht verfügbar, auch nicht bei Bestellung, da, auf Anfrage, vorgeblich vergriffen.
Wie kann das sein?

Nun, da diese Platten nie verkauft wurden, sind sie irgendwann wieder geschreddert worden und die Plattenfirma hat die bei Pressung zu bezahlende GEMA-Gebühr zurückerstattet bekommen, wie das üblich ist. Somit beläuft sich der Verlust auf die nicht zurückerstattende Zahlung an den Künstler, zuzüglich den winzigen Etat an den Agenten zwecks Produktwerbung, sprich damals etwa 50000 DM.
Das macht keinen Sinn, oder etwa doch?

Nun, die Musikindustrie wünscht sich schon sehr lange Hand in Hand mit den Vertriebskanälen eine möglichst geringe Anzahl von Major-Titeln im Verkauf, da dies eine hohe Effizienz in Fertigung, Lagerhaltung und Aufstellersystemen im Vertrieb bedeutet. Wenn nun also die Indies aufgekauft werden, die relevante Stückzahlen im Verkauf ausmachen könnten, also ab etwa 10000 Stk. pro Titel, und diese möglicherweise gar nicht in den Handel gelangen, so fördert dies in einer Mischkalkulation den Vertrieb der Major-Titel deutlich und verringert Lagerhaltung, Verkaufsraum etc. bei den Händlern, und das trotz dem zu erwartenden, möglicherweise sogar einkalkuliertem, Verlust an jedem eingestampften Indy-Titel.

Wenn man sich nun noch einmal die Frage stellt, kann es denn sein, daß ein Titel von einem Künstler, der etwa 10 Titel veröffentlicht hat, dann zu einem Major wechselt und der nun erscheinende Titel weder sofort, noch jemals verfügbar ist, aber nachweislich gepresst wurde, so stellt sich diese Frage möglicherweise vor einem anderen gänzlich anderen Hintergrund, der in dieser ganzen Diskussion um Urheber-/Verwertungsrecht nicht ausreichend beleuchtet wird.

Wieviele Urheber möchte die Musikindustrie überhaupt? Ist kulturelle Vielfalt vom Aussterben bedroht? Welchen Nutzen haben die Musiker von der Musikindustrie; wobei sich diese Frage weniger für die Major-Titel, sondern für die Menge der vergleichsweise “erfolgreichen” Indies stellt?!

In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls interessant sich vor Augen zu führen, welche Rolle dabei die GEMA spielt, denn während Indies durchaus in Clubs/Disco/Radio vergleichsweise häufig gespielt werden, wird der auszuschüttende Anteil der dabei pauschal zu entrichtenden GEMA an den Verkaufszahlen orientiert aufgeschlüsselt an die Künstler verteilt. Dies ist übrigens neben dem reinen Plattenverkauf das zweite Standbein eines Künstlers in der Musik.
Da nun Major-Titel hohe Verkaufszahlen ausmachen, bekommt z.B. ein Herbert Grönemeyer, ohne eigenes dazutun, entsprechend hohe GEMA Tantiemen, während dieser öffentlich in Clubs/Diskotheken möglicherweise so gut wie nie gespielt wurde, die Künstler der tatsächlich vornehmlich gespielten Titel jedoch so gut wie nichts davon.
Das ist natürlich weder die Schuld von einem Herbert Grönemeyer, noch die der GEMA; da es kaum bessere Kriterien zur Aufschlüsselung gibt.
Doch die Verkaufszahlen werden durch die Musikindustrie, die gemeinsam mit den Großhändlern, die auch gemeinsam die Charts “kreativ” festlegen, stark beeinflußt, und spielen auf diese Weise auch hier mittelbar eine entscheidende Rolle im Bezug auf die Überlebensfähigkeit kultureller Vielfalt. Künstler müssen eben, wie wir alle, unabhängig davon ob wenig, oder sehr erfolgreich, von irgendwas leben!

Wenn wir also über Urheberrecht sprechen, sollten wir nicht nur der Polemik der Musikindustrie und ihrer Handlanger in der Politik folgen, sondern auch über die Zukunft der kulturellen Vielfalt und den damit zusammenhängenden Mechanismen vor dem Hintergrund einer rigiden Geschäftspolitik durch die Musikindustrie selbst sprechen.

Wollen wir, die Konsumenten, das eigentlich so in dieser Form einfach hinnehmen? Können wir uns eigentlich noch aussuchen was wir hören und wie lange wird das noch so sein?

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August 22nd, 2009
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